Macht Home-Office unproduktiv?

Ein Gastbeitrag von Rebekka Möller, workation24.de

Noch vor zwei Jahren war die Idee, von zu Hause aus arbeiten zu können, für viele angestellte Arbeitnehmer ein unerreichbarer Traum. Während kleinere Branchen, wie Start-Ups und innovative Tech- und Digitalfirmen die agile Natur einer außerhalb des Firmengeländes angesiedelten Belegschaft zu schätzen wussten, war die Mehrheit der deutschen Unternehmen noch nicht bereit, sich mit der Idee anzufreunden, die Kernbelegschaft nicht direkt vor Ort beaufsichtigen zu können. Flexible Arbeitszeiten und flexible Arbeitsorte waren meist das Privileg von CEOs und Führungskräften. Nun stellt sich für viele die Frage, macht Home-Office unproduktiv?

Die jüngsten Ereignisse haben einen gesellschaftlichen Bedeutungswandel der Arbeit herbeigeführt. Von Anfang 2020 bis heute haben die politischen Maßnahmen, die im Kampf gegen die Covid-19-Krise verabschiedet wurden, zu massiven Umwälzungen am Arbeitsplatz geführt. In Deutschland wurden über sechs Millionen Arbeitnehmer in die Kurzarbeit geschickt. Über 13.000 Unternehmen haben einen kfW-Förderkredit als Corona-Hilfe beantragt, während in den USA zahllose Arbeiter ihren Job verloren haben. Über 270 Milliarden Dollar an Konjunkturschecks wurden allein im Jahr 2020 an arbeitslose US-Steuerzahler als Hilfe bei Betriebsschließungen ausgegeben.

Viele Unternehmen sind einen anderen Weg gegangen. In dem Bestreben ihre Mitarbeiter zu schützen, und gleichzeitig ihr Geschäft am Leben zu erhalten, begannen die Unternehmen, auf die bestehende Technologie für Remote-Arbeit zurückzugreifen. Die Nutzung von Zoom-Calls stieg von 10 Millionen täglichen Meeting-Nutzern im Dezember 2019 auf mehr als 200 Millionen Nutzer im März 2020. Die Innovation und der Wandel im Jahr 2020 führten zu riesigen Sprüngen im Verständnis, der Implementierung und der Nutzung von Remote-Work. Gezwungenermaßen mussten viele Betriebe nun auch nicht-essenzielle Mitarbeiter flächendeckend das Home-Office ermöglichen – einfach um zu überleben.

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Die Einstellungen gegenüber der Arbeit von zu Hause verändert sich

Mitarbeitern zu erlauben im Home-Office zu arbeiten, war lange Zeit eine Phobie für Unternehmen. Wie kann die Geschäftsleitung sicherstellen, dass ihre Mitarbeiter produktiv bleiben und sich nicht vor der Arbeit drücken? Wie kann vermieden werden, dass die wenigen im Büro verbliebenen Mitarbeiter nicht noch zusätzlich die Arbeit ihrer Remote-Kollegen übernehmen müssen und angesichts der direkten Kontrolle möglicherweise überfordert sind?

Es wurde immer davon ausgegangen, dass Arbeitnehmer, die zu Hause arbeiten, weniger produktiv sind, weil sie unzählige Pausen einlegen, ihre Kinder vom Streiten abhalten und vielleicht sogar einen Film ansehen oder Musik hören, anstatt zu arbeiten.

Aber macht Home-Office tatsächlich unproduktiv? Eine Studie aus dem Jahr 2012 ergab, dass Angestellte, die mit langweiligen Routineaufgaben betraut waren, in Büroumgebungen bessere Leistungen erbrachten, während die Produktivität bei kreativen Aufgaben deutlich höher war, wenn sie von zu Hause aus arbeiteten. Das Fehlen von Zwängen führte zu einem schnelleren Arbeitsoutput.

Auswirkungen auf die Produktivität bei der Arbeit von zu Hause aus

Untersuchungen von Global Workplace Analytics haben ergeben, dass Unternehmen jährlich 600 Milliarden Dollar durch Ablenkung am Arbeitsplatz verlieren, z. B. durch Chefs, die sich melden, Kollegen mit Fragen, Meetings usw. Dieselbe Studie fand auch heraus, dass Remote-Mitarbeiter nachweislich über 35% produktiver sind als ihre Kollegen im Büro.

In einer kürzlich durchgeführten FlexJobs-Umfrage gaben 65% der Arbeitnehmer an, dass sie in Vollzeit remote arbeiten möchten, sobald die Pandemie zu Ende ist. Was als ‚notwendig‘ begann, wird zukünftig durch ‚vorzugsweise‘ ersetzt werden.

In derselben Umfrage gaben 95% der Befragten an, dass ihre Produktivität bei der Heimarbeit mindestens genauso hoch ist wie bei der Arbeit im Büro. 51% der Befragten gaben an, dass ihre Produktivität bei der Telearbeit gestiegen ist. Zu den Hauptgründen für diese erhöhte Produktivität gehören:

  • Weniger Unterbrechungen
  • Mehr Zeit um am Stück konzentriert zu arbeiten
  • Ruhigere Arbeitsumgebung
  • Komfortablerer Arbeitsbereich
  • Nicht in die Büropolitik verwickelt sein

Unternehmen scheinen dies zu erkennen und zuzustimmen. Eine Umfrage von Gartner ergab, dass 82% der Unternehmensleiter planen, ihren Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, zumindest zeitweise aus der Ferne zu arbeiten. Diese Zahl wird durch eine Studie von Upwork untermauert, die besagt, dass im Jahr 2021 einer von vier Amerikanern von zu Hause aus arbeiten wird, wobei diese Zahl bis 2025 auf vier von fünf Amerikanern ansteigen wird, die aus der Ferne arbeiten. Brent Hyder, Präsident und Chief People Officer von Salesforce, wird mit den Worten zitiert: „An immersive workspace is no longer limited to a desk in our towers … and the employee experience is about more than ping-pong tables and snacks.”.

Workation

Vorbereitung auf das new normal – ein hybrides Arbeitsmodell

Arbeitgeber erkennen jetzt die Vorteile, wenn sie ihren Mitarbeitern erlauben, zumindest für einen Teil der Zeit, im Home-Office zu arbeiten. Hybrides Arbeiten, eine Mischung aus Büro- und Heimarbeit, könnte der Weg in die Zukunft sein. Unternehmen profitieren von der gesteigerten Produktivität zu Hause, kombiniert mit der Einfachheit von Schulungen, Besprechungen, Teambuildingmaßnahmen und Gesundheitschecks, die im Büro stattfinden.

Das Wohlbefinden könnte sich als ein wichtiger Faktor für den Erfolg eines Hybridsystems erweisen. Für diejenigen Mitarbeiter, die einfach nur ab und zu eine kleine Auszeit vom Büroalltag brauchen, könnte die Möglichkeit einer Workation (eine Pause vom Arbeitsplatz, aber nicht von der Arbeit) geeignet sein. Gleichzeitig sollten Unternehmen sicherstellen, dass die Mitarbeiter regelmäßig im Büro anwesend sind. Denn nur so können die Unternehmen auch auf die psychische Gesundheit im Home-Office der Mitarbeiter achten. Eine US-Studie fand heraus, dass 27% der Befragten von Gefühlen der Isolation berichteten und 19% sich vom Unternehmen abgekoppelt fühlten, während sie im Home-Office arbeiteten.

Die Mischung macht’s

Während der „Jeder-im-Büro“-Ansatz jahrzehntelang vorherrschte und der Traum vom Arbeiten von zu Hause die Hoffnung vieler war, wird uns die Zukunft vielleicht zeigen, dass eine Alles-oder-Nichts-Lösung überhaupt keine Lösung ist. Stattdessen sollte im Mittelpunkt der Überlegungen stehen den Mitarbeitern Wahlmöglichkeiten zu geben. Aus mehreren Optionen zu wählen, kann für ihre Gesundheit, ihr Glück und ihre Produktivität von Vorteil sein. Tatsächlich berichtet Flexjobs, dass 27% der Arbeitnehmer so sehr davon überzeugt sind, dass die Arbeit von zu Hause aus für sie von Vorteil ist, dass sie bereit sind, eine Gehaltskürzung von 10% bis 20% in Kauf zu nehmen, um weiterhin im Home-Office zu arbeiten. Darüber hinaus kann die Möglichkeit, flexibel zu arbeiten, die Personalfluktuation deutlich verringern, da 81% der Mitarbeiter angeben, dass sie ihrem Arbeitgeber gegenüber loyaler wären, wenn sie flexible Arbeitsmöglichkeiten hätten.

Letztendlich wird die Option Remote-Arbeit zu nutzen, nicht für alle Branchen geeignet sein, aber für diejenigen, für die es zutrifft, können Unternehmen feststellen, dass ein gewisses Maß an flexibler Heimarbeit langfristig ihre Schulungskosten senkt, die Mitarbeiterzufriedenheit erhöht und insgesamt die Produktivität steigert. Wenn sie dies nicht tun, kann dies dazu führen, dass ihre besten Mitarbeiter von den Unternehmen abgeworben werden, die diesen modernen neuen Arbeitsvorteil anbieten.

Rebekka Möller

Rebekka Möller

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